Warum niemand reagiert – und was ich daraus für Meetings gelernt habe
- info249390
- 8. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Juli
In meiner Masterarbeit habe ich einen Online-Fragebogen entwickelt. Das Thema: KI und Kompetenzen. Also ein Zukunftsthema, das hochgradig relevant schien. Ziel war es, möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, den Link zur Umfrage zu teilen. Die Idee war einfach: Ich schickte den Link an Gruppen, teile diesen über WhatsApp Status oder Verteiler. Ich dachte, irgendwer wird schon teilnehmen und bestimmt auch ganz viele weiterleiten. Aber die erhofften Reaktionen blieben aus. Zu wenig (zumindest meinem Empfinden nach) nahmen teil. Nur engste vertraute teilten die Umfrage.
Zuerst war ich enttäuscht. Dann wurde mir klar: Das ist ein klassischer Fall des Bystander-Effekts. Ich hatte alle angeschrieben, aber niemanden direkt. Und genau das war der Fehler.
Was ich gelernt habe
Wenn sich viele Menschen angesprochen fühlen könnten, fühlt sich am Ende niemand wirklich zuständig. Erst als ich Einzelpersonen gezielt angesprochen habe – mit Namen und persönlicher Bitte – bekam ich Rückmeldungen. Ich bekam sogar hilfreiches Feedback und Unterstützung. Diese Erfahrung zeigte mir deutlich wie falsch ich in meinem Denken über Kommunikation in Organisationen lag.

Was ist der Bystander-Effekt?
Der Bystander-Effekt beschreibt ein psychologisches Phänomen: Je mehr Menschen potenziell helfen oder reagieren könnten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand tatsächlich etwas tut. In meinem Fall musste ich tatsächlich fast täglich meinen Status auffrischen, um auch nur annährend einen Fortschritt zu erzielen. Jede Person geht insgeheim davon aus, dass sich schon jemand anderes kümmern wird. So kann ich als potenzieller Teilnehmer auch immer mit der Begründung "Habe ich nicht gesehen" raus kommen.
Der Bystander-Effekt wurde erstmals in der berühmten Studie von Darley und Latané (1968) gezeigt. In ihrem Experiment baten sie Versuchspersonen in einer vermeintlichen Gruppenbesprechung um Hilfe bei einem Notfall. Ergebnis: Je mehr „Zuschauer“ angeblich beteiligt waren, desto seltener griff die einzelne Person ein. Daher wird der Bystander-Effekt auch als Zuschauer-Effekt bezeichnet.

Was ich daraus ableite – für Meetings und Zusammenarbeit
In meiner Masterarbeit und der subtilen aber penetranten Bitte um Teilnahme sowie in Organisationen passiert genau das Gleiche. Wenn Aufgaben „an alle“ verteilt werden, fühlt sich niemand verantwortlich. Jeder denkt unbewusst: „Die anderen machen das schon.“ Es gibt keine Verpflichtung zu reagieren. Kein schlechtes Gewissen, keine Rechenschaft.
Das lässt sich leicht vermeiden: Sprich Menschen direkt an. Nenne Namen. Formuliere Aufgaben konkret. Frage gezielt. Wenn jemand direkt angesprochen wird, entsteht eine andere Dynamik. Dann wird eine Reaktion erwartet. Dann gibt es eine soziale Verantwortung – oder wenigstens die Pflicht, höflich abzusagen.
Das gilt nicht nur für Umfragen. Es gilt für jede Form von Gruppenarbeit, für Meetings, für Mails, für Slack-Nachrichten. Wer auf echte Mitarbeit hofft, sollte die Verantwortung nicht in der Masse verlieren.
Fazit
Der Bystander-Effekt ist kein Problem von Faulheit. Es ist ein Problem der Kommunikation. Wenn alle zuständig sind, ist am Ende niemand zuständig. Wer wirklich etwas bewegen will, muss direkt fragen. Klar, persönlich und konkret.
Link zu meiner Umfrage: https://umfragen.pfh.de/umfragen/index.php/649181
Quellen
Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4p1), 377–383.https://doi.org/10.1037/h0025589
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